Donnerstag, 20.06.2024 01:14 Uhr

Kein Backup? Kein Mitleid!

Verantwortlicher Autor: Steve Schutzbier Regensburg, 22.04.2024, 17:39 Uhr
Fachartikel: +++ Internet und Technik +++ Bericht 4933x gelesen

Regensburg [ENA] Selten war es so einfach und daher umso nötiger, seine wertvollen Daten zu sicher. Da sind Familien- und Urlaubsfotos der letzten Jahre und Jahrzehnte gefährdet. Steuererklärungen, die noch in die Aufbewahrungsfrist, auch für Privatleute, fallen. Wichtige Unterlagen aus Ausbildung, Studium oder auch erworbene Zertifikate. All das ist weg, wenn die Festplattenscheibe plötzlich mit dem Lese-Schreib-Kopf trifft.

Und gerade bei physikalischen Schäden hilft bestenfalls ein teures Labor. Aber meist, und ich spreche aus Erfahrung, sitzt auch hier der größte Datenvernichter vor dem Monitor und hinter der Tastatur. Daher: Sofort Backup-Plan einrichten! Es war ein lauer Sommertag, die Uhr ging auf Mitternacht zu. Ich hatte es eilig, endlich ins Bett zu kommen, da ich um fünf raus und meinen Flieger in die USA kriegen musste. Aber eins wollte ich, bevor ich meine Backups anstoße noch machen: Meine SD-Karte für die Kamera formatieren.

In meinem Rechner befanden sich damals die Startplatte, die von Betriebssystem gegen versehentliches Formatieren geschützt ist. Dann eine 12 Terabyte Platte für meine Backups. Und zwei weitere große, vormals in meiner NAS tätigen, HDD. Dateiexplorer auf - und mir fiel noch ein, dass ich mein Handy auf die neueste Version aktualisieren wollte. Klappt auch am Flugplatz oder in den USA, aber was erledigt ist, ist erledigt.

Also mit dem Handy beschäftigt und immer, wenn ich warten musste, dass ich was bestätigen sollte oder ein erster Download lief und wieder meine Aufmerksamkeit wollte, nutzte ich diese Fenster zum Multitasking. Im Explorer die Karte finden... das Handy braucht eine "Ja"-Bestätigung... Laufwerk auswählen... ja, ich habe ein Backup des Telefons und will den Vorgang starten... Rechtsklick auf das Laufwerk und Formatieren drücken... Ja, leg endlich los mit dem OS-Update, scheiß Handy... Bestätigen, dass ich formatieren will, ein Kontrollblick auf den Explorer und zurück in den Formatieren-bestätigen-Dialog... Fehlermeldung auf dem Handy, ich werde wahnsinnig, klappt heute gar nichts mehr, ich will ins Bett!

dann Blick auf den PC, Formatieren starten, Sicherheitsabfrage bestätigen und endlich dem Handy widmen. Nach erfolgreicher Meldung des PC habe ich die Karte in die Kamera eingelegt. Das bereits ausgeschaltete Gerät in den Koffer verladen, fertig. Da fiel mir auf, dass ich meine Podcast-Bibliothek noch nicht auf einen Stick kopiert und somit reisefertig gemacht habe. Stick an den PC angeschlossen, meine Sync-Software gestartet und ich bekomme die Fehlermeldung, dass der Ordner nicht gefunden werden kann. Scheiß Windows! Dann Neustart, das sollte alles richten.

Ihr ahnt es schon: Nach dem Neustart war wieder nichts mehr übrig. Ein Blick in den Explorer zeigte den Schadensumfang... ich habe meine Platte mit allen Bildern der letzten 15 Jahre, mein komplettes MP3-Archiv, mein Podcast-Archiv und viele abgelegte Daten wegformatiert. Mit einem Klick und rasanter Unachtsamkeit Im Nachgang kommen dann so sinnvolle Fragen wie: "Warum habe ich die Karte nicht in der Kamera formatiert?" Oder: "Ich habe doch eine Software, mit der ich Daten wieder herstellen kann". Und viele viele weitere hilfreiche und dumme Gedanken. Mittlerweile war es eins, die Vernunft siegte und ich ging ins Bett. Und habe all die Monate in den USA immer wieder gegrübelt, wie ich wieder an meine Daten komme...

Ich löse für euch schon mal: Ich habe aus den USA mit dem Festplattenhersteller gesprochen und mir für 99 US-$ sein Recovery-Programm schicken lassen. Und parallel den Preis und die Dauer für eine professionelle Datenrettung im Labor geben lassen. 599 US-$, das ist ne Hausnummer! Dann viel mit meinem Freund Google diskutiert, was denn nun die wirklich beste Software ist, um versehentlich formatierte Platten wiederherzustellen.

Und so hatte ich abends im Land der fast unbegrenzten Möglichkeiten all die Wochen genug zu tun. Auch hatte ich sofort eine neue große Festplatte bestellt, um gerettete Daten zwischenzuspeichern. Schließlich würde die Software bei einer Wiederherstellung auf die gleiche Platte während des Schreibens anderes Dateien unwiederbringlich überschreiben und somit zerstören. Merke: All diese Software-Lösungen können nicht zaubern! Und trotz der schönen Werbetexte, dass Formatierungen problemlos - allerdings unfassbar zeitintensiv - wiederhergestellt werden können, war mein Ergebnis eher ernüchternd gering. Oder meine Erwartungen und Hoffnungen einfach zu groß!

Kein Backup... Wer wie ich mit einem C64 groß geworden ist und dann Windows 2 noch kennengelernt hat, weiß eigentlich, wie wichtig Backups sind! Windows brauchte in Version 2 keinen Virenscanner - war es doch selbst der größte Feind des Dateien-Speicherns. Was war also mein Fehler: Fahrlässiges Multitasking unter maximal-möglichstem Zeitdruck! Hätte ich auf das Backup verzichtet, während mein heimischer Rechner ohne Stromversorgung auf meine Rückkehr gewartet hätte, ich hätte nichts verloren. Warum auch den Umweg, die SD-Karte nicht in der Kamera, sondern im PC zu formatieren? Völlig überflüssig.

Was aber ebenfalls überflüssig ist, ist gegen Mitternacht ein Backup anstoßen zu wollen und sich drauf verlassen, dass es um fünf fertig ist. Also, geschrieben und verifiziert! Wie immer, und so müsste ich es aus der Fliegerei ja besser wissen, potenziert sich hier ein kleiner Schnitzer zu einem maximal-möglichsten Massaker. ...kein Mitleid! Also, was tun? Eine durchdachte und idealerweise vollautomatische Backup-Strategie! Dafür muss aber ein wenig Geld in die Hand genommen werden, Zeit sowieso und die passende Software gekauft werden.

Ich empfehle euch die Anschaffung eines NAS, eines Network Attached Storage. Könnt ihr ein wenig günstig mit USB bekommen, wenn es aber einen sinnvollen und politisch befreiten Dreifach-Wums haben soll, muss da ein modernes Ethernet drin sein. Und auf der PC-Seite braucht ihr eine Backup-Lösung, die intelligent genug ist, mehr als nur ein 1:1-Bild zu schreiben. Unter der Minimalanforderung Vollbackup, inkrementelles und differenzielles Backup würde ich nichts in die Hand nehmen. Und auch keine proprietären Lösungen, welches Labor soll diese Daten dann bitte retten können?

Und nun stellt ihr, je nach eurem Risiko-Profil und der Kenntnis, was die Nachteile der Backup-Methoden sind, einen automatisierten Backup-Plan. Richtig gute Software kann euren PC zu dem Zeitfenster ein- und nach Erledigung wieder ausschalten. Kurz zu den Backup-Methoden: Vollbackup: damit schreibt ihr mit jedem Backup eine komplette 1:1-Kopie von euren ausgewählten Daten und Festplatten. Ist sehr speicher- und zeitintensiv. Zeitplan: mindestens wöchentlich.

Inkrementelles Backup: Hier wird zu Beginn ein Vollbackup geschrieben und dann mit jedem neuen Backup nur geschrieben, was sich seit dem Vollbackup oder den inkrementellen "Zwischenbackups" geändert hat. Wichtig: Man sollte ein Intervall festlegen, wann trotzdem wieder mit einem Vollbackup neu gestartet wird. Und auch, wenn du nun denkst, Mensch, das braucht ja kaum Speicherplatz, erlaube, wenn vorhanden, der Software automatische - aber durch Rückfrage zu bestätigende - Löschvorgänge der inkrementellen Dateien.

Differentielles Backup: Auch hier gibt es am Start ein Komplettbackup. In den Folgewochen werden Daten geschrieben, die sich seit der letzten abgeschlossenen Änderung verändert haben. Kurz gesagt: Der Unterschied zwischen den beiden "Teil-Backup-Strukturen" liegt darin, dass das inkrementelle Datenänderungen seit dem letzten Backup kopiert, das differentielle nur Datenänderungen seit dem letzten Vollbackup kopiert. Jetzt heißt es loslegen! Ob ihr nun mit einer großen externen USB-Platte anfangt oder gleich in ein 4-Bay-NAS investiert, überlasse ich euch. Aber ihr müsst anfangen! JETZT! SOFORT!

Ein teils vergessenes Gut ist immer das Startlaufwerk. Wer schon mal ein Wochenende damit verschwendet hat, Laufwerk C mit all der Software, den Seriennummern-Suchen und den im Dokumenten-Ordner verschwundenen Dateien verbracht hat, wird dies nie wieder vergessen. Es gibt unterschiedliche Software-Lösungen, mal wird in ein proprietäres Format geschrieben, dann wird Datei für Datei 1:1 kopiert. Sucht, probiert aus, findet das, was euch anspricht. Das kann auch eine Open-Source oder von einem kleinen Entwickler geschriebene Lösung sein, Hauptsache, sie wird gepflegt und mit Updates versorgt. Dann viel Erfolg beim Einrichten und Ausführen eurer Backups!

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