Donnerstag, 20.06.2024 02:40 Uhr

Interview mit einem Flüchtling aus Gaza

Verantwortlicher Autor: Sergej Perelman Stuttgart, 06.05.2024, 23:46 Uhr
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Yacoub Ibrahim, Stuttgart, Mai 2024

Stuttgart [ENA] Am 20. April 2024 lernte ich in Stuttgart zufällig bei der Kundgebung: "Sofortiger Waffenstillstand in Gaza - sofortiger Stopp deutscher Waffenlieferungen an Israel – Ende der Blockade von Gaza - für einen gerechten Frieden im Nahen Osten!" Yacoub Ibrahim kennen - einen Palästinenser, der aus der Türkei nach Deutschland floh und der verzweifelt um seine Familie in Rafah bangt. Ich habe ihn am 06. Mai 2024 interviewt.

Yacoub, du bist wegen des Krieges in Gaza alleine aus der Türkei über Griechenland nach Deutschland geflohen. Wo ist deine Familie und wie geht es ihr?

Meine Familie befindet sich gerade in Rafah. Die Situation ist katastrophal. Du weißt, dass der Krieg tobt; überall Bombardierungen, vertriebene Menschen in Zelten. Es gibt kein trinkbares Wasser. In dieser sehr kleinen Stadt an der Grenze zum benachbarten Ägypten leben nun anderthalb Millionen Menschen. Es ist eine Tragödie und meine Familie leidet entsprechend an den menschenunwürdigen Umständen.

Yacoub Ibrahim (links neben seiner Mutter) neben ihm seine Schwestern und gegenüber seine Brüder. Eine ältere Aufnahme
Die Mutter von Yacoub Ibrahim, im Hintergrund seine Nichte. Rafah (Gaza-Streifen), Mai 2024

Was macht diese Situation mit dir? Wie erträgst du das alles?

Das alles führt zur allmählichen Zerstörung meines Geisteszustandes. Ich kann nicht mehr ruhig schlafen und bin permanent in Unruhe und Stress. Immer wieder wird mir bewusst, dass ich jeden Moment meine Familie verlieren könnte. Ich habe Angst davor, die Nachrichten zu sehen oder zu hören, weil ich meine Familie unter den Toten sehe könnte. Das ist unerträglich. Das Einzige, was mich für eine Zeit lang beruhigt, ist das Gespräch mit einem Menschen, der mir wahrhaftig zuhört.

Ich möchte mit diesem kurzen Interview den Menschen trotz des Grauens der äußeren gegenwärtigen Realität, die aus meiner Sicht nichts weiter darstellt als eine Lüge, wenigstens ein wenig Hoffnung schenken, weil ich felsenfest an eine Welt glaube, in der es keine Kriege mehr gibt. Sie ist für mich die eigentliche und einzige Realität für uns Menschen. Sie ist die Wahrheit. Yacoub, du hast mir eine sehr schöne Geschichte erzählt darüber, wem du deinen Namen zu verdanken hast. Kannst du sie bitte noch mal erzählen?

Mein Vater war ein junges Waisenkind, das als Schneider in Israel für einen jüdischen Arbeitgeber namens Michael arbeitete. Mein Vater war sehr kreativ und erfolgreich in seinem Beruf. Michael war stets sehr freundlich und liebte meinen Vater sehr und behandelte ihn mit Respekt und Wertschätzung und mein Vater liebte ihn. Eines Tages, als mein Vater mich bekommen sollte, wollte er von Michael wissen, welcher Name für einen Jungen ihm gefalle. Sein jüdischer Arbeitgeber und Freund meinte, dass ihm der Name Yacoub gefalle. So kam ich zu meinem Namen. Das ist jetzt schon 32 Jahre her.

Du hast für die Rettung deiner Familie aus Rafah eine Spendenaktion online gestartet. Wozu brauchst du das Geld und wie können dich die Leser dabei unterstützen?

Ich benötige Geld, um meine Familie aus Gaza herausbringen zu können. Gaza ist zu einer Geisterstadt geworden. Unser Haus ist zerstört worden, alles ist zerstört worden. Es ist kein Leben mehr möglich, überall fallen rund um die Uhr Bomben. Und das größte Problem ist, dass meine Familie den Gazastreifen nicht verlassen kann. Wir müssen für jede Person, die den Gazastreifen über die ägyptische Grenze verlässt, 5.000 Dollar oder Euro zahlen. Dafür habe ich eine Online-Kampagne ins Leben gerufen - um meiner Familie das Leben zu retten, damit sie ein neues Leben in Frieden beginnen kann. Ich freue mich über jede noch so kleine Spende und über das Weiterleiten des Spendenaufrufs. Vielen herzlichen Dank an alle Unterstützer!!!

Die Behausung der Familie Ibrahim. Links ein Smartphone mit dem Spendenaufruf. Rafah (Gaza-Streifen), Mai 2024
Die Nichte und die Neffen von Yacoub Ibrahim. Rafah (Gaza-Streifen), Mai 2024

Erläuterung zu dem folgenden Spendenaufruf von Yacoub Ibrahim. Balsam Ibrahim ist die Schwester von Yacoub Ibrahim. Stephan Jehs ist ein deutscher Freund von Yacoub Ibrahim, auf dessen Konto die Spenden eingehen, da Yacoub Ibrahim als Flüchtling noch kein eigenes Konto führen darf. Bei weiteren Fragen erreichen Sie mich über freie.presse@posteo.de.

Link zum Spendenaufruf von Yacoub Ibrahim: https://gofund.me/ced4409a

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